Kinder und Jugendliche wachsen heute in einer Welt auf, die sich unterscheidet von der Welt, die ihre Eltern in der eigenen Kindheit erleben konnten - und noch mehr von der Welt, in die ihre Großmütter hineingeboren worden. Technische Entwicklungen, wie z.B. die Erfindung des Internets, politische Veränderungen, z.B. der Mauerfall haben das Leben der Menschen verändert. Aber auch die Gesellschaft ist einem ständigen Wandel unterworfen. Dies betrifft nicht nur die Flexibilisierung von Beschäftigungsverhältnissen, die Veränderung der Zusammensetzung der Bevölkerung durch Migration usw. sondern auch einen Wandel im Selbstverständnis der Menschen - welcher sich im Zusammenleben, in Kunst und Kultur widerspiegelt.
Die veränderten Rahmenbedingungen bleiben nicht ohne Folgen für das Heranwachsen, gleichzeitig sind es aber auch oft die Jugendlichen selbst, die durch das Herausbilden von Subkulturen mit eigener Ästhetik, Sprache und Präferenz den Lifestyle der Gesellschaft insgesamt prägen und verändern.
Worin liegen aber nun die großen Unterschiede, die das Leben der Jugendlichen heute von dem Leben der Jugendlichen „damals“ (sagen wir z.B. vor 100 Jahren) unterscheiden?
Da wäre zunächste einmal die Ausdehnung und ein verändertes Verständnis der Jugendphase selbst: wenn man den Anfang der Jugend in Abhängigkeit von der Entwicklung der Geschlechtsreife (im biologischen Sinn) terminiert, stellt man fest, dass diese körperliche Entwicklung heute weit früher abgeschlossen ist als früher. Somit würde die Jugendphase heute hormonell bedingt bei Mädchen ab 10 1/2 und bei Jungen ab 11 1/2 Jahren beginnen. Will man das Ende der Jugend an den klassischen Kriterien von „Erwachsen-sein“ verorten (also: Aufnahme eines geregelten Beschäftigungsverhältnisses, Aufbau einer eigenen Familie mit fester Partnerschaft, Kindern und evtl. Eigenheim, Übernahme von individueller, sozialer und gesellschaftlicher Verantwortungen), muss man feststellen, dass diese Grenzen sehr stark fließend und individuell geworden sind. Auch das Selbstverständnis und insbesondere der teilweise langjährige Verbleib in den ehemals rein jugendlich geprägten Subkulturen kann hier zu keiner klareren Abgrenzung beitragen. Deutlich wird aber: Jugend erstreckt sich heute regelmäßig über einen Zeitraum, der mit ca. 11-12 Jahren beginnt und im Durchschnitt nicht vor Ende der Zwanziger endet. Alleine diese Zeitspanne macht es unsinnig, heute noch von einer „Übergangsphase“ zu sprechen - Jugend ist heutzutage eine komplett eigenständige Lebenphase, mit eigenem Ausdruck und eigenen Sinnzusammenhängen, sie ergibt sich nicht nur wie früher dadurch, dass der Heranwachsende „nicht mehr Kind“ und noch „nicht ganz erwachsen“ ist.
Eine weitere Veränderung im Leben der Jugendlichen lässt sich durch den Verlust der Autorität und das Zusammenbrechen der Herrschaft der sog. Hochkulturen erklären, die stark verbunden ist mit der Entwicklung von neuen Medien und einer Populär- Kultur, die eben nicht mehr durch die Buch-/ Textsprache sondern durch Bilder und Sounds geprägt ist. Jugendliche sind heute sehr kompetent darin, auch unklare und schnell-wechselnde Bilder in einen sinnhaften Zusammenhang mit der Hintergrundmusik und -Geräusch zu bringen. Sie können sich ohne Probleme auf Dinge einlassen, die gleichzeitig und schnell passieren. Die Aufmerksamkeit aber auf einen einzigen Punkt zu lenken, wie es beispielsweise beim Lesen eines Buches notwendig ist, fällt Jugendlichen heute aber zunehmend schwerer. Die langsamere Bildsprache alter Filme oder tiefergehende Erklärungen erscheinen ihnen unnötig, langweilig und fern der eigenen Realität.
Eine weitere Veränderung betrifft den Bereich des Verhaltens: Jugend heute läuft in weitesgehend informell organisierten Zusammenhängen statt. Klare Verhaltensregeln, die strenge Moral früherer Jahre und der große Einfluss von Autoritäten sind Situationen gewichen, in denen Regeln und Absprachen individuell ausgehandelt werden und sehr stark situationsbedingt sind. Das ein Aufwachsen in einer Großfamilie klarere Absprachen und Regeln erfordert, als das Zusammenleben einer Alleinerziehenden plus Einzelkind mag hier als beispielhaftes Bild dienen.
Gleichzeitig haben die traditionellen Jugendgrupppen und Sozialisationsinstanzen, wie z.B. freiwillige Ortsfeuerwehr, kirchliche Jugendgruppen, Schule, Sportvereine, Gewerkschaftjugend usw. einen Bedeutungsverlust erlitten (der sich allerdings vermutlich gar nicht so sehr an sinkenden Mitgliederzahlen ablesen lassen dürfte...), stattdessen prägen Handy, Internet- Communities, Chat und andere spontane und teils kurzlebige, bzw. virtuelle Kontakte das Leben der Jugendlichen.
Im Gegensatz zur Sprachlosigkeit von Früher in Bezug auf die eigenen Gefühle, spielt hier oft, gerade im virtuellen Raum, das innere Erleben, die Subjektivierung eine große Rolle. Jugendliche definieren und vereinen sich im Hass auf bestimmte Lehrer oder in der Schwärmerei für bestimmte Schauspieler, Popstars etc., die Präsentation und Projektion der eigenen Gefühle nach aussen ist hierbei von entscheidender Bedeutung und dient neben der (heute scheinbar stark geforderten) Selbstreflektion auch dem abstecken und erfahren von Fremderwartungen. Diese starke Betonung des Gefühls-haften spiegelt sich auch wieder, in Sendungen und Internet-Videos, die von Jugendlichen gerne geguckt werden (Deutschland durch den Superstar usw.) und in denen die Protagonisten die Gefühle von Scham, Niederlage, Erniedrigung, Ohnmacht und Fremdbestimmung quasi stellvertretend ertragen müssen, verbunden mit utopischen Anforderungen und Zielen, die nie erreichbar sind.
Neben der Ausdehnung ist es also die wesentliche größere Individualität und Optionalität, die das Leben der Jugendlichen heute prägt. Eine Orientierung nach Traditionellen Gesichtspunkten, eine streng definiertes, normorientiertes Verhalten ist heutzutage eher selten (wenngleich in bestimmten Bevölkerungsgruppen durchaus noch vorhanden). Stattdessen scheint es für Jugendliche einen permanenten Druck zu geben, individuelle Präferenzen zu entwickeln und nach aussen zu zeigen (in Form von Kleidung, (Körper-) Schmuck, virtuellen Online- Profilen usw.). Verhalten und Sprache gilt es dabei fortwährend dem Kontext anzupassen. Statt der Fremdregulierung wirkt die Selbstregulierung - eine Art „Filter“ im Kopf trennt die Welt in individuell Bedeutsames und Uninteressantes; in „Normales“ und Unakzeptables. Eine ständige Beschäftigung mit der eigenen Gefühlswelt und der Wahrnehmung der eigenen Person durch Andere ist von zentraler Bedeutung geworden und hat die Beschäftigung mit den starren und vorgegebenen Verhaltensvorschriften früherer Zeiten (z.B. die Angst vor „sündhaften“ Verhalten, Auswendiglernen von Verhaltensregeln usw.) verdrängt.